Alltag

13.10.2024

Ich wohne jetzt schon eineinhalb Monate in Offinso und es hat sich mittlerweile auch ein gewisser Alltag eingestellt. Einige Sachen habe ich noch nicht als so wichtig oder zu offensichtlich gehalten, um darüber zu berichten, aber da ich doch ab und zu Fragen erhalten habe, gebe ich euch jetzt einen kleinen Einblick.

Wlan gibt es hier so gut wie nicht, nur am Flughafen konnte ich mich einwählen. Nach Berichten und Schildern ist das auch in ein paar Hotels möglich, aber hier im Alltag so gut wie gar nicht. Also läuft alles über mobile Daten, die hier allerdings sehr günstig sind (ich habe 20 Euro für 92GB bezahlt). Die ghanaischen Sim-Karten brauchten wir eigentlich nur, um uns hier ins Internet einwählen zu können, ohne Roaming-Gebühren zu bezahlen. Nach Deutschland kann ich also nur über Whatsapp telefonieren.

Zacch hat zwar eine Waschmaschine, die allerdings nur für große Sachen, wie zum Beispiel Bettlaken, benutzt wird, ansonsten wird mit der Hand gewaschen. Da unter der Woche bis 16 Uhr noch die Schulkinder hier auf dem Hof herumlaufen, waschen wir entweder nachmittags oder am Wochenende. Die Wäscheleinen reichen für die Sachen von den über 20 Leuten, die hier leben, meistens nicht aus, sodass viel auch auf das unfertige Dach des neuen Schulgebäudes gelegt wird. Im Moment kommt noch das Problem der Regenzeit dazu, denn beinahe jeden Tag regnet es mehrmals und wenn, dann in Strömen. Auf dem zubetonierten Schulhof entwickeln sich ein richtiger Fluss, auf dem ich schonmal Papierschiffchen hab schwimmen lassen.

Viele unbefestigte Wege (und das sind eigentlich alle außer den Hauptstraßen) sind durchzogen von Gräben, die von den Wassermassen immer weiter ausgewaschen werden. 

Der Weg zur Promised Land Academy in Aniyinasuso

Wenn man die Wäsche also auf der Leine hängen hat, muss man beim ersten Wassertropfen nach draußen sprinten und alles abhängen, bevor es komplett durchweicht. Ohne Sonne dauert das Trocknen jedoch mehrere Tage, weil die Luftfeuchtigkeit so hoch ist. 

Morgens stehen Caro und ich um 6 Uhr auf, denn wir werden zwischen 6:30 Uhr und 7:30 Uhr abgeholt, je nachdem, welcher Fahrer kommt. Sehr viel länger könnten wir auch gar nicht schlafen, denn die Mädels hier im Haus beginnen bereits gegen fünf damit, das Haus sauber zu machen. Wie bereits erwähnt, ist dies die Bedingung, um hier bei Zacch leben zu dürfen. Und da die meisten selber noch zur Schule gehen, müssen sie früh damit anfangen. Im jungen Alter stark im Haushalt eingebunden zu sein, ist nichts Ungewöhnliches: Auch die Mädchen aus Aniyinasuso erzählen, dass sie putzen, kochen, waschen oder beim Verkaufen helfen müssen. 

Zum Frühstück holen wir uns das süße Weißbrot aus der „Backstube“ ab, einem Raum der Schule in dem ein schrankgroßer Backofen steht. Hier backt und verkauft Roberts, einer der Hausbewohner, die Brote. Gestern hat er mir gezeigt, wie sie in einem Haus in der Nähe des Markts den Teig zubereiten und anschließend zur Schule bringen. 

Der Backofen von Roberts

Der Mixer für den Brotteig

Wie gesagt variiert die Zeit, zu der wir abgeholt werden, je nachdem, welcher Fahrer kommt. Seit letzter Woche fährt uns der Fußballcoach Kofi, der ehemals Taxifahrer war. Der vorherige Taxifahrer hat das Handtuch geschmissen, weil sich Zacch keine Gehaltserhöhung leisten konnte. Zacch wollte versuchen, einen Kleinbus zu mieten oder zu kaufen, um Benzin zu sparen. Denn der Fünfsitzer muss die Touren durch Offinso und die umliegenden Dörfer doppelt fahren, um alle Kinder, die nicht in Aniyinasuso wohnen, mitnehmen zu können. Für Dienstag und Mittwoch hat Zacch es geschafft, einen Bus zu mieten und die 25 Kinder aus den Dörfern haben auch irgendwie alle reingepasst (14 haben sich in den Kofferraum gequetscht). Aber schon am Donnerstag hat sich der Busfahrer nicht mehr gemeldet und Kofi ist wieder eingesprungen. 

Wir kommen relativ früh an der Schule an, weil das Auto dann eben nochmal die Tour durch die Dörfer macht. Aber viele Kinder sind da auch schon da und fegen den Schulhof und die Klassenzimmer. Anschließend findet die Assembly statt, bei der die Nationalhymne gesungen, ein Schwur geleistet und die anleitende Lehrerin gegrüßt wird. Dann marschieren alle in die Klassen. Immer wenn Eric den Unterricht macht, übe ich mit den Kindern einzeln draußen lesen. Von den 28 Schülern aus der Klasse können 17 Kinder keine Silben lesen, also konzentriere ich mich besonders auf die. Ich bin sehr gespannt, wie gut ich das hinbekomme und ob sich irgendwann Fortschritte zeigen.

Der Blick auf die Promised Land Academy: Links die fünfte Klasse, in der Mitte die Räume des Kindergartens und rechts die Vierte und Dritte. Erste und zweite Klasse sind in einem Gebäude daneben untergebracht.

Um 14:30 Uhr ist Schulschluss und wir laufen zur Hauptstraße. Der jeweilige Fahrer kommt so gegen 15 Uhr, muss dann aber erstmal wieder die Kinder aus dem Dorf wegbringen, sodass wir meistens erst zwischen 16 und 17 Uhr zuhause sind. Während der Wartezeit machen wir etwas mit den Kindern: Fußballspielen, Gymnastikübungen, Klatschspiele oder Orangenessen. Auf dem Weg nach Offinso setzen wir immer unterschiedlich viele Kinder ab. Die Rekordzahl hat Caro gezählt, als ich einen Tag nicht da war. 17 Leute saßen in Zacchs Fünfsitzer. Jeder mit einem Kind auf dem Schoß, auch der Fahrer, und dann zu zweit auf einen Sitz gequetscht. 

Trompete spiele ich nicht sehr oft, weil ich doch das Gefühl habe, dass es jemanden stören könnte. Aber die ehemaligen Freiwilligen haben eine Gitarre gekauft und auf der spiele ich eigentlich jeden Tag. 

Um 18 Uhr wird es schlagartig dunkel und damit kommen auch die Mücken raus. Ghana ist ein Risikogebiet für Malaria, die ja von Mücken übertragen wird und böse enden kann, aber nicht muss. Empfohlen ist eine Prophylaxe zu nehmen, also jeden Tag eine Tablette Antibiotika. Von meinem Medikament, Doxycyclin, habe ich gleich in der ersten Woche Hautausschlag bekommen. Der kam wahrscheinlich verbunden mit der erhöhten Empfindlichkeit gegen UV-Strahlung zustande, die eine Nebenwirkung des Medikaments ist. Also versuche ich im Moment, möglichst keine Mückenstiche zu bekommen, und zwar mit Mückenspray und langen, imprägnierten Klamotten. Die Locals nehmen keine Prophylaxe, auch weil sie auf Dauer ganz schön teuer ist. In der Schule und den Krankenhäusern wird zwar über Malaria aufgeklärt, aber konsequent schützt sich niemand aus unserem Haus. An unserer Schule gab es seit wir da sind bereits zwei Fälle von denen wir mitbekommen haben. Es schien etwas sehr Normales zu sein; wahrscheinlich auch, weil der Verlauf meistens leicht ist. 

Gegen 18 Uhr gibt es Abendessen. Gekocht wird hier draußen oder in dem Küchenhaus über dem offenen Feuer. Dafür gibt es Metallgestelle, in denen Kohlen entzündet werden und man dann einen Kochtopf oder Kessel draufstellen kann. Kleinere Mengen werden auch auf Gasflaschen gekocht. Weil auf dem Boden gemörsert und geschnitten wird, sitzt frau dabei auf kleinen Hockern. „frau“ schreibe ich, denn die Männer beteiligen sich nicht daran, nur auf dem Gasherd machen sich die Jüngeren manchmal was für sich. Die Hausbewohner essen zwischendurch im Stehen, denn es gibt nur den einen 1×1 Meter Plastiktisch und sieben Stühle. Aus Höflichkeit überlassen sie die immer uns Freiwilligen, aber daran wollen wir unbedingt etwas ändern. 

Die großen Kessel im Küchenhaus, in denen der Reis für die Schulkinder gekocht wird

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