06.09.2024
Am Freitag hat Zacch uns um 8 Uhr geweckt und ich habe auch in dieser Zeit gefühlt nicht geschlafen, weil viele Hausbewohner schon herumgerödelt haben, Hähne gekräht haben und die Matratze ohne Kissen deutlich härter als meine zuhause ist. Das gemeinsame Frühstück besteht hier immer aus weichem Weißbrot und Tee.
Dann begann die erste „Orientierungseinheit“. Zacch ist wie gesagt der Leiter der „Offinso Grassroots Community Foundation“ und der Schulleiter der Stepping Stones Academy. Sein Haus liegt mit auf dem Gelände der Schule und dort wohnt er mit seiner Frau Susanna und seinen vier Kindern. Außerdem leben noch andere Jugendliche bzw. junge Erwachsene dort, die nach meinem Wissensstand von Zacch die Schulbildung und Unterkunft finanziert bekommen. Das sind vielleicht noch so sieben bis zehn andere. Das Haus ist verhältnismäßig luxuriös, denn es gibt eine Toilette und Dusche mit fließendem Wasser. Die Mädchen, die hier wohnen, kochen uns mittags und abends eine warme Mahlzeit, die eigentlich immer aus Reis, Nudeln und einer Tomatensoße mit Ei besteht. In den nächsten Tagen muss ich die mal fragen, ob ich ihnen helfen kann, denn ich finde es irgendwie komisch, dass wir hier so bedient werden. Aber immerhin wissen wir mittlerweile, wie man den Abwasch macht.
Zacch hat ein gelähmtes Bein, weshalb uns bei den meisten Aktivitäten andere Hausbewohner weiterhelfen. Er konnte seinen Schulabschluss nur mit der Unterstützung eines Sponsors aus Europa machen und hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, mittellosen Kindern Bildung zu ermöglichen. Er lacht und redet sehr viel und hat immer gute Laune. Er hat sich verständnisvoll gezeigt, dass wir zum ersten Mal lange weg von zuhause und unseren Eltern sind, aber auch gesagt, dass wir jetzt Teil seiner Familie und aus einem wichtigen Grund hier sind. Ich bin froh, dass er überzeugt ist, dass wir hier etwas Gutes tun, denn irgendwie hatte ich ein bisschen Angst, dass manche den Freiwilligendienst auch als eine weitere Einmischung der Europäer sehen. Denn schließlich war es Europa, das dafür gesorgt hat, dass afrikanische Länder ausgebeutet wurden und bis heute darunter leiden, dass wir im Luxus leben. Und trotzdem muss Europa immer den heldenhaften Retter spielen. Aber wie gesagt, zum Glück sieht Zacch es nicht (nur) auf diese Weise.

Die Orientierungstage, die fünf Tage dauern, bestehen eigentlich nur daraus, dass Zacch uns circa eine Stunde über die Schule, die Sitten in Ghana und unsere Aufgaben hier aufklärt. Dann können wir Fragen stellen und haben für den Rest des Tages frei. Zum Glück hat er das Thema Ernährung selbst angeschnitten, weil schon vorher Freiwilligen da waren, die sich vegetarisch ernährt haben. Also ist das tatsächlich kein Problem. Die Extrawurst mit veganem Essen wollte ich dann aber nicht in Anspruch nehmen, zumal sowieso keine Milchprodukte hier gegessen werden, sondern nur Eier. Also schraube ich dieses Jahr auf eine vegetarische Ernährung zurück. Außerdem hat er uns erzählt, dass das Zimmer, in dem Caro und ich eigentlich in Aniyinasuso wohnen sollten, gerade renoviert wird und wir deshalb erstmal bei ihm wohnen werden (ich habe übrigens immer gedacht, es handelt sich um den Ort Anyinasuso, aber der ist 60 Kilometer entfernt).

Anschließend haben wir einen Spaziergang gemacht. Und mir ist es doch relativ schwer gefallen, die Armut hier zu ertragen. Die Häuser sind meistens nur einstöckig, sehr viele schon baufällig. An der Hauptstraße stehen Stand an Stand, aber besonders viel werden die Leute damit wohl nicht verdienen. Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen, weil ich ihnen unter die Nase reibe, dass ich mehr Geld habe. Und auch, weil für mich das alles neu und aufregend ist, als ob ich einen Zoo besuchen würde. Außerdem fallen wir natürlich auf, weil in Offinso ausschließlich Schwarze wohnen. Die Kinder rufen uns immer „Hallo, hallo, Bonifada“ hinterher, was übersetzt weißer Priester bedeutet. Und wir werden häufig angesprochen, wo wir herkommen oder wie es uns geht. Eigentlich ist das natürlich sehr lieb gemeint, aber mir ist diese ganze Aufmerksamkeit unangenehm. Als ob ich ein Promi oder Held wäre.
Was man noch auf der Straße sieht, ist sehr viel Plastik. Es gibt ja keine geregelte Müll-Entsorgung, deshalb wird er verbrannt. Richtige Berge sieht man daher nicht, aber überall liegt ein bisschen herum. Und ein paar Tiere laufen auch herum. Vor allem domestizierte Tiere wie Katzen, Hunde, Ziegen und Hühner. Vom Wildlife gibt es im Dorf eigentlich nur Eidechsen und schwarz-weiße Rabenvögel. Und Kakerlaken am Abend.

Nachmittags haben wir dann unsere Zimmer eingerichtet. Caro und ich haben einen Kleiderschrank, den wir uns zu viert teilen. Und Moskitoschutz gibt es zum Glück.
Und da habe ich zum ersten Mal realisiert, dass ich meine Eltern ein Jahr lang nicht in den Arm nehmen kann und ein Jahr lang nicht mehr in meinem ruhigen Spitzboden schlafen werde. Da musste ich doch richtig weinen. Der Schlafmangel und die vielen, vielen neuen Eindrücke werden da wohl auch eine Rolle gespielt haben.