05.10.2024
Unser Zimmer hat ein Upgrade bekommen: Zacch hat Hochbetten für uns und die Kinder im Fußball-Camp in Auftrag gegeben, die ein Verwandter in den letzten Tagen auf dem Schulhof aus Eisenstangen zusammengeschweißt hat. Es war bloß ein Abenteuer, das durch den schmalen Flur in unser Zimmer zu buxieren. Dafür musste eine Türklinke und die Treppe des Betts abmontiert werden und es hat auch einiges von seinem Lack eingebüßt, der jetzt am Türrahmen klebt. Aber das Zimmer ist so sehr viel geräumiger und nachdem wir es am nächsten Tag einmal von den ganzen Spinnweben und Staub befreit hatten, ist es richtig gemütlich geworden. Ich habe deswegen allerdings ein schlechtes Gefühl im Magen, weil Zacch das Geld sicherlich auch für etwas anderes gut hätte gebrauchen können.

In der letzten Woche war ich nun im Unterricht der vierten Klasse dabei, in der ich auch erstmal bleiben werde. Zacch meinte zu uns, dass die Lehrer uns nicht fragen werden, ob wir eine Aufgabe erledigen können. Denn sie denken, dass wir die Frage als Aufforderung ansehen und es in ihren Augen unhöflich ist, uns zu etwas zu „zwingen“. Das war der Grund, weshalb wir am ersten Tag so stehen gelassen wurden.
Also bin ich am Montag zum Lehrer der vierten Klasse gegangen und habe ihn gefragt, ob ich an diesem Tag in seinem Unterricht dabei sein kann. Sein Name ist Eric, aber den habe ich erst erfahren, als wir im Kunstunterricht Namensschilder gebastelt haben (die Idee habe ich mir von Caro geklaut). So ganz werde ich aus ihm nicht schlau, denn er zeigt fast keine Emotionen. Aber einmal meinte er, dass die Kinder sich freuen, wenn ich wiederkomme und er fragt mich immer, ob ich noch Ideen für den Unterricht habe. Er hat mir erzählt, dass er selber erst vor einem Jahr mit der Highschool fertig geworden ist und dann angefangen hat, als Lehrer zu arbeiten. Das ist an Zacchs Schulen nichts Ungewöhnliches, denn die Kinder hier bezahlen nur wenig Schulgebühren, da Zacch so vielen wie möglich die Schulbildung zugänglich machen möchte. Das bedeutet aber auch, dass wenig Geld da ist, professionelle Lehrer zu bezahlen. Viele studierte Lehrkräfte wechseln also an andere Schulen mit höheren Gebühren und darum auch höherem Gehalt. Zacch bemüht sich zwar, Workshops für die ungelernten Lehrkräfte zu organisieren, aber das macht ein Studium natürlich nicht wett.
Ich dachte eigentlich, da ich ja eine Unterrichtsassistenz bin, dass ich Eric nur ein bisschen unterstütze, in Einzelarbeitsphasen oder beim korrigieren der Hausaufgaben. Aber er fragt mich manchmal, ob ich nicht etwas unterrichten möchte. Da allerdings nicht alle Kinder gut Englisch verstehen, erkläre ich etwas auf Englisch und er dann nochmal auf Twi. Morgens steht er meistens am Tor und caint die Kinder, die zu spät kommen. So bin ich dann die erste halbe Stunde alleine im Klassenzimmer. Am ersten Tag habe ich den Kindern ein Lied beigebracht, dass wir früher im Chor gesungen haben. Das hat denen richtig Spaß gemacht, denn in den nächsten Tagen haben sie mich immer wieder gefragt, ob wir das nochmal singen können. Ansonsten wiederhole ich mit ihnen meistens, was wir am letzten Tag gemacht haben oder Grundwissen, wie das 1×1 oder Addition. Morgens sind die Kinder immer sehr kooperativ und hören mir zu. Nur wenn es auf die Mittagspause zugeht, wird es etwas chaotisch. Aber das kann ich auch verstehen, denn der Unterricht geht meistens 90 Minuten am Stück und den ganzen Tag wird ein Thema behandelt. Da kann ich es ihnen gar nicht verübeln, dass sie irgendwann gelangweilt oder aufgedreht sind. Außerdem ist die Klasse mit 28 Schülern für deutsche Verhältnisse relativ groß. Bei mir sind sie nie so leise wie bei Eric, denn sie wissen, dass ich sie nicht schlage. Aber bis jetzt hat trotzdem alles erstaunlich gut funktioniert.

Kunstaufgabe im Sachunterricht
Am Donnerstag habe ich festgestellt, dass viele der Kinder nicht richtig lesen können. In Science haben wir über die Einteilung von Tieren in Insekten, Reptilien, Vögel und Säugetiere geredet und dazu mussten sie einen Lückentext ausfüllen, den Eric an die Tafel geschrieben hat. Ein Mädchen hat mich um Hilfe gebeten. Ich habe sie gefragt, ob sie mir die Frage vorlesen kann, aber schon bei dem dritten Wort wusste sie nicht weiter. Besonders bei den Wörtern, die sie nicht kannte, wie z.B. „Dolphin“, hatte sie Probleme. Bei anderen Kindern war es noch extremer, ein Mädchen wusste manche Buchstaben gar nicht. Der Fakt, dass manche fast kein Englisch verstehen, macht es natürlich besonders schwierig. Denn so bleiben die Wörter nur aneinander gereihte Buchstaben ohne einen Sinn. Im Abschreiben sind alle Kinder gut, aber es scheint, als ob sie gar nicht begreifen, was sie da eigentlich aufschreiben. Denn Eric liest den Text laut vor, alle wiederholen ihn und dann haben die meisten begriffen, was sie machen sollen und sagen es den anderen weiter. Viele schreiben ihre Aufgaben auch komplett vom Nachbarn ab.
Ich habe Eric darauf angesprochen. Er sieht das Problem anscheinend auch, wusste allerdings nicht, was er dagegen unternehmen soll. Ich habe ihm dann vorgeschlagen, dass ich mit den Schülern einzeln ein bisschen Lesen übe. Die Situation ist natürlich verzwickt: Es gibt wenig finanzielle Mittel für Bücher oder andere Hilfsmittel; Eric hat nie gelernt, wie man Kindern am besten das Lesen beibringt; ich habe auch keine Ahnung und teilweise sind wenig Englischkenntnisse vorhanden. Ich überlege mir am Wochenende mal ein bisschen was.

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