Erste Schultage und Erkältung

20.09.2024

Am Dienstag hatten Caro und ich unseren ersten Arbeitstag an der Promised Land Academy. Eigentlich sollten wir um 7:30 Uhr von anderen Lehrern mitgenommen werden, aber als wir pünktlich auftauchten, waren sie bereits weg. Also hat Zacch den Fußball-Coach beauftragt, der allerdings erst eine Stunde später auftauchte. So bekamen wir die morgendliche Versammlung der Stepping Stones mit, auf dem Gelände wir ja wohnen. Dort stellen sich die Schülerinnen und Schüler nach ihren Klassen auf und singen die Nationalhymne, bevor dann der Unterricht beginnt.

Als wir schließlich bei der Promised Land waren, schien es den Schulleiter Albert nicht weiter zu stören, dass wir zu spät waren. Er hat uns durch alle Klassen geführt und wir haben uns vorgestellt und unsere Namen an die Tafel geschrieben. Alle schienen sich sehr zu freuen, dass wir da waren. Anschließend hat Albert uns gesagt, dass wir uns bis zur Pause umschauen dürfen und ist zurück in seine Klasse gegangen. Wir wussten allerdings absolut nicht, wo wir hingehen sollten, bis uns schließlich die Lehrerin der zweiten Klasse zugewunken hat. So haben wir den Tag damit zugebracht, Bilder an die Tafel zu malen und die Kinder haben sie abgemalt und die Begriffe aufgeschrieben oder sie erraten. Und ich habe ein Kinderlied mit den ganz Kleinen gesungen. Das war aber alles ganz und gar nicht einfach, weil wir keiner Klasse zugeteilt wurden und auch absolut nicht vorbereitet waren, eine Art von Unterricht zu geben. In jeder Klasse ist eigentlich ein Lehrer, aber die verschwinden zwischendurch immer wieder und die Kinder haben nichts zu tun. Oder die Lehrer korrigieren Aufgaben und die Kinder sitzen wieder nur herum. Ich hatte den Eindruck, dass der Unterricht viel effektiver sein könnte. Aber ich bin natürlich nicht dafür qualifiziert selber Unterricht zu geben und möchte mich auch nicht in die Angelegenheiten der Lehrer einmischen. Ich bin mal sehr gespannt, wo wir hier unseren Platz finden werden.

An diesem Tag lief mir schon morgens die Nase und als abends noch Halsschmerzen dazu kamen, bin ich die nächsten zwei Tage lieber im Bett geblieben. Auch ein bisschen verrückt, dass ich mir in der zweiten Woche in Afrika ausgerechnet eine Erkältung einfange. Aber so konnte ich mich ein bisschen über das Grundschul-Curriculum informieren und ein paar Aufgaben heraussuchen. 

Mein zweiter Tag an der Promised Land lief sehr viel geregelter ab. Ich habe gleich am Anfang die Lehrerin der dritten Klasse gefragt, ob ich den Tag bei ihr verbringen darf. Sie hat mich ich über den Lernstand der Kinder aufgeklärt und wollte gerne, dass ich ihnen etwas beibringe, während sie das Schulgeld einsammelt. So habe ich in der ersten Stunde Rechenpyramiden mit den Kindern gemacht und zumindest ein Drittel der Klasse hat das Prinzip mit der Addition schließlich auch verstanden. Die Pause anschließend war gefühlt zwei Stunden lang und wir sind zu einem Fußballplatz, der circa zehn Minuten von der Schule entfernt liegt, gegangen. Die älteren Mädchen haben mir Tanz-Choreographien beigebracht. Besonders typisch sind bei den Kindern hier Spiele, bei denen man in einem großen Kreis steht und klatscht oder tanzt. Sie haben mich auch mehrmals nach Spielen aus Deutschland gefragt, aber ich habe keine Ahnung mehr, was wir in der Grundschule mit einer großen Gruppe so gemacht haben. Aber beim Vorbereitungsseminar haben wir ja immer Spiele als Warm-Up gemacht und so habe ich den Mädels eins davon beigebracht. Die Jungs waren natürlich mit Fußballspielen beschäftigt. 

In der zweiten Stunde habe ich der Lehrerin zugeschaut. Und so kommen wir zu einem etwas unschönen Punkt an den ghanaischen Schulen: Dem Caining, also dem Einsatz des Rohrstocks. Schon auf dem Vorbereitungsseminar haben wir das Thema besprochen und als wichtigsten Punkt festgehalten, dass das Schlagen von Kindern gesellschaftlich verankert ist und wir dieses System nicht verändern können. Nicht umsonst gibt es offiziell keine „Entwicklungshilfe“ mehr, denn es hat doch einen sehr negativen Beigeschmack, wenn wir Europäer versuchen ein System zu verändern, was wir selbst mit der Kolonisierung hier eingeführt haben. Als ob wir immer alles besser wüssten und die anderen nach unserer Pfeife tanzen müssten. Zacch hat in den Orientierungstagen auch mit uns darüber gesprochen. Er möchte an seinen Schulen nicht, dass die Kinder, wie zuvor üblich, für eine falsche Antwort geschlagen werden, sondern nur, wenn sie etwas Schlimmes gemacht haben. Sein Beispiel war ein Junge, der einen anderen vor einen Bus geschubst hat. Wie er das im Alltag umsetzt, weiß ich nicht. Außerdem meinte er, dass allein die Anwesenheit eines Stocks zu Respekt vor den Lehrern führt, weil sie ihn ja benutzen könnten. So laufen die meisten Lehrer, auch an der Promised Land, mit einem Rohrstock herum. Zacchs Argument war, dass andere Strafen, wie zum Beispiel Putzen oder in der Pause im Klassenraum zu bleiben, von den Kindern nicht als Strafe angesehen werden. Aber wer weiß: Bei uns war genau das in der Kindheit meiner Großeltern-Generation noch ganz normal und schon innerhalb dieser verhältnismäßig kurzen Zeit hat sich die Situation bis heute komplett verändert. Daran sieht man doch, dass eine gewalt- und beinahe straffreie Erziehung ganz von allein Normalität werden kann. Die Lehrerin, bei der ich an diesem Tag im Unterricht zuschaute, benutzte ihren Stock jedenfalls nicht ganz nach Zacchs Vorstellungen. Einmal ist sie durch die Reihen gegangen und alle Kinder, die keine oder eine falsche Antwort gegeben haben, haben einen Schlag abbekommen. Ich kann gar nicht einschätzen, wie schmerzhaft das im Endeffekt ist, aber die Kinder jedenfalls sind schon zusammengezuckt und haben versucht, dem Stock auszuweichen. Diese Szene fand ich absolut nicht leicht mit anzusehen. 

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