Letzte Woche war das Zwischenseminar, das zum Weltwärts-Jahr verpflichtend dazu gehört und wie das Vorbereitungsseminar von der Entsende-Organisation (in unserem Fall KulturLife) angeboten wird. Das Seminar haben Tim und Thea geleitet, beide haben vor zwei Jahren einen Freiwilligendienst mit KulturLife in Ghana gemacht und waren auch schon beim Vorbereitungsseminar als Teamer dabei.

Es ging besonders um die Selbstreflexion, also um Fragen wie: „Wie geht es mir?“, „Was wünsche ich mir für das restliche Jahr?“, „Was kann ich selbst verbessern?“, „Was hat mir der Freiwilligendienst bis jetzt gebracht?“. Wir haben auch wieder darüber geredet, wie wir mit schwierigen Situationen umgehen können, haben noch neue Projektideen gesammelt und To-do-Listen geschrieben. Uund wir haben wieder darüber geredet, wie man richtig von seinem Freiwilligendienst erzählt. Dabei trage ich ja schon ein gewisses Maß an Verantwortung, weil ihr euch ja vor allem auf Grundlage meiner Erfahrungen ein Bild von einem ganzen Land macht. Dabei kratze ich mit meinen Berichten über die ghanaischen Kulturen und gesellschaftlichen Normen nur an der Oberfläche, da ich selbst eben nicht ganz dazu gehöre und deshalb nicht alles verstehen und erfassen kann. Und logisch ist auch, dass euch vor allem die paar negative Situationen, die ich hier beschrieben habe, im Gedächnis bleiben werden. Ich fand in den Fällen, in denen ich von diesen Situationen berichtet habe, dass es wichtige Erfahrungen waren, die zu meinem Bild von Ghana ebenso dazugehören, wie die vielen unglaublich netten und hilfsbereiten Menschen, die ich hier kennengelernt habe. Am Donnerstag haben wir einen Ausflug zum Elmina Castle gemacht, das ebenso wie das Cape Coast Castle eine Sklavenburg war. Die Geschichte war deshalb eine ähnliche, aber sie hat mich erneut sehr betroffen gemacht.




Bilder aus dem Elmina Castle. Beerdigungs-Blumenkränze wie der auf dem unteren Bild hat man viel auch im Cape Coast Castle gesehen.
Wie auf dem Seminar nochmal betont wurde, macht ihr, die diesen Blog lest, euch alle auf Grundlage meiner Erfahrungen ein Bild von Ghana. Und ich finde, dass auch die Geschichte eines Landes zu so einem Bild dazugehört, besonders da durch ihre Auswirkungen auf die heutige Zeit, sich auch die Strukturen dieses Landes besser verstehen lassen. Deshalb gibt es von mir heute eine kleine Nachhilfestunde zur Geschichte Ghanas. Und wie der Guide im Elmina Castle richtig sagte: Diese Geschichte besteht nicht nur aus Sklaverei und Kolonialisierung.
Auf dem Gebiet des heutigen Ghanas lebten vor 150.000 bis 200.000 Jahren die ersten Menschen, zum Vergleich, in Deutschland lebten vor 45.000 die ersten Homo Sapiens. Zwischendurch gab es immer wieder lange Trockenperioden, weshalb verschiedene Völker kamen und gingen. Vor etwa 6.000 Jahren wurde nachweislich Keramik hergestellt und Feldbau betrieben, die Viehhaltung ist für die Zeit vor etwa 3.500 Jahren belegt. Dies entspricht auch etwa der Zeit in Deutschland.
Die durchgängige Besiedelung Ghanas begann im 15. Jahrhundert. In Norden gründeten sich mehrere große Königreiche, die ihre Macht auf Reiterheere stützten. Der islamische Glaube war bereits verbreitet, sie behielten ihre traditionelle Religion allerdings bei. Mit der Einwanderung der Muslime entstand beispielsweise auch die Moschee in Larabanga, die wir besucht haben.

Der tropische Wald in Zentralghana wurde von den Akanvölkern besiedelt, als der Handel von Nahrungsmitteln aus Asien und Amerika, wie Bananen, Hirse oder Kassawa, ihnen die landwirtschaftliche Nutzung der Regenwaldgebiete ermöglichte. Im 17. Jahrhundert vereinigten sich die zersplitterten Akan-Fürstentümer zum Königreich der Aschanti.
Im Süden wanderten verschiedene Volksgruppen ein, die noch heute bestehen, zum Beispiel die Fanti oder Ewe.
Zu ersten Kontakten mit Europäern kam es 1471, als Portugiesen und begannen, mit den Völkern im Süden Handel zu treiben. Weitere europäische Mächte folgten: Briten, Dänen, Schweden, Brandenburger und Franzosen, die sich untereinander immer wieder bekriegten. Bis 1800 war der Kontakt zwischen europäischen und ghanaischen Königreichen gleichberechtigt. Europäer errichteten viele Handelsstützpunkte, deren Ländereien sie von den afrikanischen Mächten des Südens gepachtet hatten. Die das Elmina Castle und das Cape Coast Castle wurden in dieser Zeit von den Portugiesen errichtet. Die europäischen Mächte interessierten sich für Gewürze und das Gold des Landes. Aufgrund des Goldreichtums wurde das Land damals von den Europäern „Goldküste“ getauft und es ist bis heute das wichtigste Exportgut Ghanas.
Mit der Besiedelung von Nordamerika wurden auf den Plantagen immer neue Arbeitskräfte gebraucht. Am Anfang haben es die Kolonialisten mit den Native Americans als Zwangsarbeiter versucht, doch diese kannten sich im Land aus und konnten sich gegenseitig befreien. Menschen aus afrikanischen Ländern zu versklaven war für die Plantagenbesitzer die perfekte Lösung: Sie waren fremd im Land und geflohene Sklaven konnte man leicht an der Hautfarbe erkennen. Daher gewann auch der Sklavenhandel in Ghana an Bedeutung. Da die Europäer sich im Landesinneren nicht auskannte und auch Angst vor Malaria hatten, waren sie bei der Beschaffung der Sklaven auf Einheimische angewiesen. Vor allem mächtige Kaufleute verkauften ihnen Sklaven, wofür sie teilweise auch die Nachbarländer Togo, Benin und die Elfenbeinküste durchstreiften und junge Männer und Frauen verschleppten. In diesem Fall mussten die Entführten Monate lang zurück zur Küste laufen – auf diesen Gewaltmärschen starb (wenn ich die Zahl des Guides in Elmina noch richtig im Kopf habe) bis zu einem Drittel der Verschleppten. In den circa 30 Sklavenburgen in Ghana, wie auch das Elmina Castle und das Cape Coast Castle, wurden die Überlebenden gefangen gehalten, bis das nächste Handelsschiff eintraf. Das konnten je nach Wetterlage auch mehrere Monate sein. Männer und Frauen wurden getrennt gefangen gehalten, mehrere hundert Menschen in einem Verließ. Die Luft in den Zellen, die wir besucht haben, war abgestanden und die wenigen kleinen Fenster konnten die Dunkelheit nicht vertreiben. Da hatte ich ein richtig enges Gefühl in der Brust, als ich mir vorstellen musste, dass in solch einem Raum 300-700 Personen für Wochen unter den schlimmsten Bedingungen wie Tiere zusammengepfercht waren. Wer sich wehrte, wurde ohne Essen und Trinken in ein Verließ gesperrt und einfach sterben gelassen. Die Frauen wurden vom Gouverneur der Festung (und sicher auch anderen britischen Soldaten) regelmäßig vergewaltigt und die Guides in den Burgen haben uns die verschiedensten Bestrafungsmöglichkeiten genannt, die angewendet wurden, wenn sich eine Frau widersetzte. Wenn die Händler eintrafen, suchten sie sich ihre Sklaven aus, diese wurden gebrandmarkt und auf das entsprechende Schiff gebracht. Die monatelange Überfahrt nach Amerika mussten sie angekettet unter Deck verbringen. Um möglichst viele Menschen aufnehmen zu können, waren die Decks teilweise nicht hoch genug, um aufrecht zu stehen. Die schlimmen Bedingungen von Sklaven in den Kolonien sind euch denke ich hinreichend bekannt.
Auch wenn ich selber natürlich nicht an diesen Greueltaten beteiligt war, hat es mich trotzdem beschämt, aus dem gleichen Teil der Erde zu kommen. Und da wundert es mich doch, wie manche Ghanaer uns für etwas Besonderes halten, obwohl sie wissen, dass Europäer solche Verbrechen begangen haben, also auf keinen Fall etwas Besseres sind. In den USA wurde die Sklaverei Anfang des 19. Jahrhundert verboten, vollständig umgesetzt wurde dieses allerdings erst etwa 1870.
Aber nun wieder zu Ghana. Wie gesagt, schlossen sich im 17. Jahrhundert die verschiedenen Akan-Fürstentümer in Zentralghana zum Aschanti-Königreich zusammen. Im folgenden Jahrhundert konnten sie ihren Machtbereich langsam über das gesamte Gebiet des heutigen Ghanas und darüber hinaus ausweiten. Dies war möglich, da die Aschanti militärisch gut aufgestellt waren, unter anderem mit den von den Europäern gekauften Schusswaffen, aber auch eine gute innere Organisation, beispielsweise mit gebildeten Beamten. Stabilität verlieh dem Aschantireich auch der Glaube an den „goldenen Stuhl“. Dieser soll für den Herrscher der Aschantis, dem „Asantehene“, vom Himmel gefallen sein, was die Unterstützung der Ahnen verdeutlichte. Die früheren Akan-Fürstentümer wurden weiterhin von Chiefs verwaltet, sie hatten auch die Macht über das lokale Militär und Gerichte. Die Chiefs wurden von dem Asantehene ernannt, aber auch die Bewohner des jeweiligen Fürstentums hatten ein Mitspracherecht.

Auch heute noch besitzt jede der 16 Regionen Ghanas einen Chief, der relativ viel Macht und fungieren vor allem als Schlichter. Auch das traditionelle Amt des Asantehenen besteht bis heute, alle sind Nachfahren des ersten Aschanti-Königs Osei Tutu und haben politischen Einfluss.

Um 1800 hatten sich die Briten gegenüber den anderen europäischen Staaten durchgesetzt, beispielsweise wegen Widerstand der afrikanischen Völker. Das Verhältnis mit den afrikanischen Königreichen begann zunehmend ungleicher zu werden. 1844 schloss Großbritannien einen Vertrag mit den Fanti ab, in dem diese die britische Herrschaft über ihr Gebiet anerkennen mussten. Auch die Macht des Aschanti-Reichs passte den Briten nicht, weshalb sie 1824 versuchten, das Königreich zu zerschlagen. Die Aschantis siegten jedoch und auch bei erneuten Angriffen im 19. Jahrhundert erlitten die Briten Niederlagen. Erst 1874 gelang es den Briten, Kumasi (die Hauptstadt des Aschantireichs) zu erobern und den König der Aschantis auf die Seychellen zu entführen. Als Folge wurde die „Goldküste“ eine britische Kolonie.

In den 1920ern etablierten die Briten auch eine afrikanische Vertretung in der Regierung über die Goldküste, womit sie eine „indirekte Herrschaft“ erreichen und die Locals friedlich stimmen wollten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkten sich jedoch die Forderungen nach einem unabhängigen Staat. Der spätere Präsident Kwame Nkrumah gründete eine neue Partei, die auf Anweisung der Briten eine Verfassung ausarbeitete, um die Bevölkerung zu beschwichtigen. Eine Abspaltung der Partei rief dann allerdings einen Generalstreik aus und die Briten gingen gegen ihre Anhänger vor und verhaftete Nkrumah. Dennoch trat 1951 die neue Verfassung in Kraft und Nkrumah wurde mit großer Mehrheit gewählt. Er wurde aus dem Gefängnis entlassen und übernahm als Premierminister die Regierungsgeschäfte. Nach zwei Wahlperioden, in denen Nkrumahs Partei jeweils die Mehrheit erlangte, stimmten die Briten der ghanaischen Unabhängigkeit zu. So erklärte Ghana 1957 als erstes afrikanisches Subsahara-Land die Unabhängigkeit.

Es folgten verschiedene sozialistische Umgestaltungsversuche von Nkrumah und den späteren Politikern Kofi Busia und Jerry Rawlings. Diese endeten jedoch jeweils in einer schlechteren wirtschaftlichen Lage, diktatorischen Strukturen und schließlich einem Militärputsch. Seit 2001 ist Ghana jedoch eine der wenigen stabilen Demokratien Afrikas.
Mit diesem Hintergrundwissen lassen sich beispielsweise die Verteilung von Ethnien und Religionen besser verstehen.
Die verschiedenen ethnischen Völker, die ab dem 15. Jahrhundert in Ghana eingewandert sind, zum Beispiel die Aschanti (in der Region liegt auch Offinso), Fanti, Ewe oder die Mole-Dagbani, haben bis heute Bestand und alle besitzen ihre eigene Sprache und Kultur. In der Ashanti-Region, in der ich lebe, wird Twi gesprochen und in Agona Swedru, wo die IGI-Freiwilligen sind, Fanti. Einen ähnlichen Klang und einige gleiche Wörter haben die beiden Sprachen, man kann es vielleicht ein bisschen mit Deutsch und Niederländisch vergleichen. An den Schulen wird Englisch gesprochen, damit sich alle Ghanaer verständigen können.
In Ghana sind heute vor allem drei große Religionen vertreten: Das Christentum, der Islam und die traditionellen Religionen der ethnischen Völker. Der Islam war, wie schon erwähnt, unter den Einwanderern aus dem Norden Afrikas bereits verbreitet. Das Christentum breitete sich mit der Ankunft der Europäer aus und ist heute die größte Religion in Ghana. Im Gegensatz zu Deutschland bedeutet dass, das alle Christen auch wirklich gläubig sind, das heißt beten und zur Kirche gehen. Ganz so wichtig ist es nicht, ob man jetzt zum Islam oder dem Christentum gehört. Zacs Bruder hat uns erzählt, er sei vom Christentum zum Islam konvertiert und dass das in Ghana ganz locker gesehen wird. Die traditionellen Religionen Ghanas haben noch bis heute Bestand. Diese besteht aus dem Glauben, dass die Seelen von Verstorben weiter in der Welt sind. Gebete und Opfergaben sollen die Geister friedlich stimmen. Manche Ghanaer heute gehören zwar dem Christentum und Islam an, üben ihre traditionelle Religion allerdings weiter aus. Auch das wird also relativ locker gesehen.
Meinen Respekt an alle, die bis hierhin drangeblieben sind. Jetzt habt ihr hoffentlich noch ein bisschen mehr über dieses vielseitige Land gelernt. Ich möchte aber nochmal betonen, dass auch dieser Bericht über Ghanas Geschichte natürlich nur ein kleiner Ausschnitt war.